Teil6 Der Nichtschwimmerkönig
Erzählerin: Erich
und Erika Mustermann haben bei der Fernsehshow „Reisefieber” eine Reise durch
Deutschland gewonnen. Die Reise ist für eine Familie mit Kindern, aber die
Mustermanns haben ein kleines Problem: Sie haben keine Kinder.
Deshalb haben sie ihre Nachbarn eingeladen, ein junges, frischverheiratetes
Paar: Horst und Marianne Schultz. Sie müssen in einer Woche acht verschiedene
Orte in Deutschland besuchen. Und sie müssen selbst herausfinden, wie die Reise
weitergehen soll.
Wenn sie nach einer Woche alle Rätsel lösen und zur richtigen Zeit an der
richtigen Stelle sind, gewinnen sie den Hauptpreis in der nächsten Sendung von
„Reisefieber”. Ihre nächste Aufgabe ist: Besuchen Sie König Ludwig auf seinem
Märchenschloß. Und im Namen des Schlosses ist ein Tier versteckt.
Innenakustik, Bibliothek. Unsere vier
Helden wälzen dicke Bücher.
Erich: Und, wie sieht's aus? Habt
ihr etwas gefunden? Was sagen die Märchen?
Horst: Hilfe! Die Bücher!
Man hört ein paar Dutzend Bücher aus dem
Regal fallen.
Erika: Horsti, du Trottel ! Faß doch
nicht immer alles an!
Horst: Jetzt fang du nicht auch noch
an, Frau Mus … Mutti!
Marianne: Psst! Nicht so laut! Das
ist hier der Lesesaal!
Erich: (leise) Was sagen die Märchen über Könige?
Marianne: Nicht viel, leider. „Schneewittchen
” – da gibt es keinen König, nur eine Königin. „Hänsel und Gretel” – kein
König.
Erika: „Rotkäppchen ” – da gibt es
einen Wolf und eine Großmutter. Im „häßlichen Entlein ”, da gibt es überhaupt
nur Tiere!
Erich: Hm. Keine Könige …
Horst: Also, ich habe hier einen
Soldatenkönig, Friedrich Wilhelm I., König von Preußen. Dann gibt es noch den Erlkönig
. Aber den gibt es nur in einem Lied.
Erich: Ich habe einen Bettlerkönig gefunden. In der „Dreigroschenoper ” von
Bertolt Brecht und Kurt Weill. Und dann gibt's natürlich noch den Fußballkönig:
Franz Bauernbecken.
Horst: Beckenbauer, Vati.
Beckenbauer. Und außerdem ist der nicht König, sondern Kaiser! Fußballkaiser.
Erich: Und ich habe Elvis, den
König. Aber der ist Australier oder so. Das geht natürlich nicht. Also wissen
wir nichts. Wir sind am Ende …
Erika: Am Ende?
Erich: Ja, Schatz. Tut mir leid.
Aber der König und sein Märchenschloß sind wohl zu schwierig für uns.
Ansage: (über Lautsprecher, mit leichtem Hall) Liebe Gäste, die Bibliothek
wird in zehn Minuten geschlossen. Bitte stellen Sie die Bücher zurück in die
Regale. Die Bibliothek wird in zehn Minuten geschlossen. Danke.
Marianne: Mir ist schlecht.
Man hört das Knistern von mehreren
verschiedenen Lakritztüten.
Erich, Erika und Horst: (unisono) Hier!
Marianne: (verschlingt die Lakritze) Danke. Ich liebe Lakritz!
Horst: Herr Muster … Vati!
Erich: Ja, mein Sohn?
Horst: Ich finde, wir sollten nicht
so schnell aufgeben.
Erika: Aber wenn wir doch den Ludwig
nicht finden!
Horst: Vielleicht finden wir ihn ja
doch. Ich habe da eine Idee.
Marianne: (ißt) Was ist denn das für eine Idee?
Horst: Ich bin doch Polizist! Wartet
mal einen Moment. Ich bin in fünf Minuten wieder da.
Übergangsmusik.
Die folgende Sequenz geschieht per Funkgerät . Man hört das typische Piepsen
und Knistern des Polizeifunks.
Horst: Achtung, Achtung, hier
spricht Inspektor Schul … äh, Inspektor Mustermann von der Zentrale! An alle
Einheiten! Eine Fahndung ! Ich wiederhole: Zentrale an alle Einheiten, eine
dringende Fahndung. Gesucht wird ein gefährlicher Krimineller mit dem Decknamen
„König Ludwig”. Er hält sich zur Zeit irgendwo in Deutschland auf. Ich
wiederhole: Gesucht wird ein sogenannter „König Ludwig”, zur Zeit irgendwo in
Deutschland. Vorsicht, König Ludwig ist gefährlich und wahrscheinlich
bewaffnet.
Polizist: Hier Wagen 17 an Zentrale,
Wagen 17 an Zentrale: Wen sucht ihr? König Ludwig? Seid ihr bescheuert ?
Horst: Zentrale an Wagen 17:
Bescheuert? Bitte wiederholen Sie!
Polizist: Wagen 17 an Zentrale: Der
einzige König Ludwig, den ich kenne, ist Ludwig II. von Bayern.
Horst: Wagen 17, Achtung Wagen 17!
Bitte verhaften Sie die gesuchte Person sofort. Ich wiederhole: Bitte verhaften
Sie die Person sofort!
Polizist: (amüsiert) Wagen 17 an Zentrale: Das geht nicht. Ich wiederhole:
Das ist unmöglich. Erwarte weitere Instruktionen.
Horst: Zentrale an Wagen 17: Wieso
unmöglich?
Polizist: Wagen 17 an Zentrale: Weil
König Ludwig seit mehr als 100 Jahren tot ist!
Horst: Zentrale an Wagen 17: Wieso
tot? Ist er ermordet worden?
Polizist: Wagen 17 an Zentrale! Das
ist unbekannt. Ich wiederhole: Die Todesumstände sind unbekannt.
Horst: Zentrale an Wagen 17: In
Ordnung, verstanden. Dann waschen Sie eben ihr Auto, Wagen 17. Verstanden?
Polizist: Schon wieder?
Horst: Ja. Ich wiederhole: Auto
waschen! Verstanden?
Polizist: Verstanden. Ende.
Horst: Ende.
Polizist: (zu sich selbst) Himmelherrgottsakrament!
Übergangsmusik. Akustik Bibliothek
Ansage: (über Lautsprecher, mit leichtem Hall) Liebe Gäste. Die Bibliothek
wird in fünf Minuten geschlossen. Bitte stellen Sie die Bücher zurück in die
Regale. Die Bibliothek wird in fünf Minuten geschlossen. Danke.
Erika: Marianne, guck doch mal in
die Kamera! Sag mal, mein Kind …
Marianne: Ja, Frau Mutti?
Erika: Ich mache mir Sorgen.
Marianne: Sorgen? Warum denn?
Erika: Vielleicht solltest du mal
zum Arzt gehen.
Marianne: Zum Arzt? Warum denn?
Erika: Na, weil dir doch immer so
schlecht ist.
Marianne: Ach, das ist doch nicht so
schlimm. Das geht immer gleich vorbei.
Erika: Trotzdem. Geh doch mal zum
Arzt. Sicher ist sicher.
Kurze Pause
Marianne: Du, Frau Mutti …
Erika: Ja, Kind?
Marianne: Ich … ich muß dir was
sagen.
Erika: Aber du weißt doch: Mir
kannst du alles sagen.
Marianne: Ich … ich bekomme ein
Kind.
Erich: (aufbrausend) Was?
Marianne: Ich bin schwanger .
Erich: Schwanger? Vom wem?
Erika: Schatz, beruhige dich doch!
Marianne ist doch gar nicht deine richtige Tochter! Sie darf schwanger sein,
von wem sie will!
Erich: Ach so, stimmt. Natürlich,
Entschuldigung. Ich habe mich schon so an die beiden gewöhnt …
Erika: Also, Kind, von wem bist du
schwanger?
Marianne: (halb beleidigt) Von Horst natürlich! Was denkt ihr denn?
Erika: Aber das ist ja wunderbar!
Herzlichen Glückwunsch!
Erich: Herzlichen Glückwunsch! Was
sagt Horst denn dazu?
Marianne: Er weiß es noch gar nicht.
Gibt's noch Lakritze?
Ansage: (über Lautsprecher, mit leichtem Hall) Liebe Gäste, die Bibliothek
wird in einer Minute geschlossen. Die Bibliothek wird in einer Minute
geschlossen.
Horst stürmt in die Bibliothek. Er ist
ganz außer Atem.
Horst: (ruft) Ich hab's! Ich hab's! Ich hab's!
Erich: Was hast du?
Horst: Na, Ludwig natürlich!
Erika: (verwirrt) Welchen Ludwig? Ach so! König Ludwig!
Marianne: Und? Wer ist es?
Horst: (kommt langsam zu Atem) König Ludwig II. von Bayern.
Erich: Donnerwetter! Alle Achtung,
mein Sohn.
Horst: (stolz) Danke, Vati.
Marianne: Wie hast du das denn
rausgefunden?
Horst: Tja … Die Polizei, dein
Freund und Helfer.
Erika: Und wo ist das Märchenschloß?
Horst: Oh! Das habe ich nicht
gefragt. Ich hab's ganz vergessen.
Erich: Kein Problem (er blättert in einem dicken Buch).
Hier, Ludwig II. von Bayern hat Schlösser gebaut in Herrenchiemsee, Linderhof,
Neuschwanstein …
Horst: Das muß es sein!
Neuschwanstein! Im Namen des Schlosses ist ein Tier versteckt.
Erika: Neuschweinstein?
Erich: Neuschwanstein.
Marianne: Na, dann los! Nach
Neuschwanstein!
Sie rütteln an der Tür der Bibliothek.
Die Tür ist verschlossen.
Horst: Mist! Die Tür ist zu! Wir
kommen nicht raus!
Erika: Was machen wir denn jetzt?
Erich: Tja, wir müssen wohl in der
Bibliothek schlafen. Morgen früh um neun Uhr machen sie wieder auf …
Horst: Wir müssen durch das Fenster
raus.
Erich: Das Fenster kann man gar
nicht aufmachen.
Marianne: Moment mal … macht mal
Platz.
Horst: Was … was hast du vor?
Erika: Aber Kind, das kannst du doch
nicht …
Marianne: Das ist ein Notfall.
Vorsicht!
Das Fenster der Bibliothek zersplittert.
Fadeover zu Musik. Man hört die Schritte der vier im Festsaal des Schlosses.
Marianne: Das ist ja Wahnsinn! Ein richtiges Märchenschloß!
Horst: Hmhm. Gar nicht übel! Aber
ich möchte hier nicht als Wachmann arbeiten! Viel zu viel Porzellan und Glas.
Erich: Horst, faß bloß nichts an!
Ich will nicht schon wieder Scherben sehen!
Marianne: Ach, hört schon auf, und
konzentriert euch! Wir müssen die nächste Aufgabe finden!
Erika: Schau, Schatz, da kommt
jemand!
König Ludwig: (sehr jovial) Ah, Sie sind bestimmt die Mustermanns aus Frankfurt.
Erich: Die Mustermanns aus
Frankfurt, genau, das sind wir. Und wer sind Sie?
König Ludwig: König Ludwig II.von
Bayern. Herzlich willkommen auf meiner Burg Neuschwanstein!
Marianne: Danke, Herr … äh, Herr
Ludwig. Oder soll ich „Herr von Bayern” sagen?
König Ludwig: Sagen Sie einfach
„Majestät”.
Horst: Moment mal! Sie sind doch
schon seit mehr als 100 Jahren tot!
König Ludwig: Das stimmt, ja,
leider. Ich bin 1886 im Starnberger See ertrunken . Sie wissen aber gut
Bescheid!
Horst: Ich bin Polizist!
König Ludwig: Sehr gut! Eine gute
Polizei ist wichtig! Da wissen meine Untertanen , warum sie Steuern zahlen! Ich
hatte ja immer nur Ärger mit meinen Untertanen. (Der König gerät ins Schwärmen) Wissen Sie, ich habe immer gerne
Schlösser bauen lassen. Schlösser bauen und Musik, das war das Schönste an
meinem Beruf.
Das Mobiltelefon des Königs piepst. Der
König nimmt ab.
König Ludwig: König Ludwig von
Bayern … Hallo Richard, du bist's! Wie geht's? … Ach ja, ich verstehe … eine
Oper? Was? Wie bitte? Schon wieder? Richard, das geht nicht. Nein, die Kasse
ist leer. Ich bin pleite. Ich kann dir nichts geben! Was? Ach so … na gut. Aber
nur eine Million. Und das ist das letzte Mal! In Ordnung. Tschüß Richard. (Er legt auf, dann zu den Mustermanns)
Das war mein bester Freund, Richard Wagner. Der ist genauso verrückt wie ich.
Erika: Verrückt?
König Ludwig: Ja, leider. Deshalb
hat man mich auch abgesetzt! Ich habe zuviel Geld für Schlösser und Musik
ausgegeben. Dann hat mein Psychiater ein Attest geschrieben, daß ich verrückt
bin, meschugge, crazy, plemplem, nicht ganz richtig im Kopf, Sie verstehen.
Weil ich Politik immer langweilig fand. Und dann hat man mich abgesetzt. Und
einige Tage später bin ich ertrunken. Aber wenigstens ist mein Tod ein Rätsel!
Niemand weiß, ob es ein Unfall war oder Mord oder Selbstmord. Ich weiß es
selbst auch nicht mehr, ist ja auch schon lange her …
Marianne: Majestät, das tut mir sehr
leid. Das ist ja tragisch!
Erika: Majestät, können Sie bitte
mal in die Kamera schauen? Danke!
König Ludwig: Ach, das ist alles
vergeben und vergessen. Kopf hoch, das Leben geht weiter. Jetzt eben als Geist .
Aber was rede ich denn hier – Sie haben es eilig , und Sie wollen keinem alten
König beim Jammern zuhören. Also, sehen Sie sich mein schönes Schloss in aller
Ruhe an. Und dann besuchen Sie den berühmtesten Piraten Deutschlands auf seiner
Insel.
Horst: Piraten?
König Ludwig: Ja, Seeräuber . Es
gibt ja nur einen berühmten in Deutschland. Und noch ein Tip: Seine Heimat ist die größte Insel Deutschlands. Also dann:
pfüeti!
Erich: Majestät! Hallo, Herr König?
Horst: Weg ist er.
Erika: Einfach verschwunden …
Erich: In Luft aufgelöst …
Marianne: Der berühmteste Pirat
Deutschlands …
Horst: Es gibt ja nur einen …
Erika: Und er lebt auf der größten
Insel Deutschlands …
Studioakustik
Erzählerin: Die nächste Aufgabe für
die Mustermanns ist also: Besuchen Sie den berühmtesten Piraten Deutschlands
auf seiner Heimatinsel. Diese Insel ist die größte Insel Deutschlands.
Schlußmusik