Teil7
Spione an Bord
Erzählerin:
Erich und Erika Mustermann haben bei der Fernsehshow „Reisefieber” eine Reise
durch Deutschland gewonnen. Die Reise ist für eine Familie mit Kindern, aber
die Mustermanns haben ein kleines Problem: Sie haben keine Kinder.
Deshalb
haben sie ihre Nachbarn eingeladen, ein junges, frischverheiratetes Paar: Horst
und Marianne Schultz. Sie müssen in einer Woche acht verschiedene Orte in
Deutschland besuchen. Und sie müssen selbst herausfinden, wie die Reise
weitergehen soll.
Wenn sie nach einer Woche alle Rätsel lösen und zur richtigen Zeit an der
richtigen Stelle sind, gewinnen sie den Hauptpreis in der nächsten Sendung von
„Reisefieber”. Ihre nächste Aufgabe ist: Besuchen Sie den berühmtesten Piraten
Deutschlands. Dieser Pirat lebt auf Deutschlands größter Insel.
Außenakustik, Straße
Erich: Das muß ein Irrtum sein! Das
kann nicht stimmen!
Horst: Was kann nicht stimmen?
Erich: Na, das mit dem Piraten! In
Deutschland gibt es doch gar keine Piraten!
Erika: Schatz!
Erich: Ja, Schatz?
Erika: Gib mir mal die Landkarte,
bitte.
Eine riesige Landkarte wird
auseinandergefaltet.
Erika: Norderney, Wangeoog, Langeoog
… komische Namen haben diese Inseln.
Marianne: Die friesischen Inseln …
Die sind aber ziemlich klein.
Erika: Oder hier, Sylt!
Marianne: Oder Helgoland?
Erich: Was macht ihr denn da?
Marianne: Wir suchen Deutschlands
größte Insel.
Horst: Das nützt doch gar nichts,
wenn wir den Namen des Piraten nicht finden!
Erika: Aber wenn wir die Insel
finden, können wir schon mal hinfahren. Den Piraten finden wir dann schon.
Marianne: Hier! Das muß es sein!
Erich: Zeig mal!
Erika: Hier, schau, Schatz: Rügen.
Eine größere Insel gibt es nicht auf der Karte.
Horst: Rügen, hm. Und wie kommen wir
dorthin?
Übergangsmusik. Akustik innen, in einem
fahrenden Zug. Man hört Horst schnarchen.
Erika: Kind?
Marianne: Ja, Mutti?
Erika: Du mußt es ihm sagen, Kind.
Marianne: Was muß ich wem sagen?
Erich: Du mußt Horst sagen, daß ihr
ein Kind bekommt.
Marianne: Ja, ja, mach' ich schon,
wenn ich mal Zeit habe.
Horst schnarcht unruhig, verschluckt
sich, hustet.
Erika: Pssst!!
Erich: (flüstert) Wenn er sich nicht freut, kann er was erleben!
Erika: Aber Schatz! Du kannst doch
nicht so von unserem Nachbarn sprechen! Herr Schultz ist doch erwachsen !
Erich: Erwachsen oder nicht, das ist
egal! Jetzt ist er mein Sohn, und solange ich sein Vater bin, benimmt er sich
anständig!
Marianne: Wo sind wir denn?
Erika: Auf einer Brücke. Das muß die
Insel Rügen sein.
Horst wacht auf.
Marianne: Horst, hast du gut
geschlafen?
Horst: Wo sind wir?
Erika: Auf der Insel Rügen. Jetzt
müssen wir nur noch den Piraten finden …
Horst: (gähnt) Ich möchte eine Tasse Kaffee. Wo ist denn hier der Knopf
für die Stewardeß?
Erich: Im Zug gibt es doch keine
Stewardeß!
Horst: (trotzig) Ach ja? Und was ist das hier für ein Hebel ?
Erich: Faß das nicht an, Horst!
Marianne: Nein, Horsti! Tu das
nicht! alle: Nein!
Horst hat die Notbremse gezogen. Der Zug
bremst mit fürchterlichem, metallischem Quietschen und kommt langsam zum
Stillstand.
Erich: Horst!
Erika: Was machen wir denn jetzt?
Erich: Wir müssen abhauen! Los,
kommt!
Marianne: Mir ist schlecht …
Erika: Kind, dafür haben wir jetzt
keine Zeit! Komm!
Übergangsmusik. Akustik draußen, am
Strand, man hört die Brandung. Die vier sind vom Laufen ganz außer Atem, sie
bleiben stehen.
Erich: Verfolgt uns jemand?
Erika: Nein, Schatz. Die Luft ist
rein.
Erich: Horst, ich werde wahnsinnig!
Mußt du denn immer alles anfassen? Wenn das nicht aufhört, stecke ich dich in
ein Internat!
Horst: Ent... Entschuldigung, Vati.
Marianne: Kann ich ein bißchen
Lakritze haben, bitte?
Tüte knistert
Erika: Hier, Kind.
Marianne: (mit vollem Mund) Danke. Schaut mal, da!
Horst: Wo?
Marianne: Da! Da ist ein Ruderboot!
Erich: Na und?
Marianne: Na, der Pirat lebt doch
bestimmt an der Küste. Wir brauchen also nur einmal um die Insel rudern, und
wir finden ihn ganz bestimmt!
Erich: Gute Idee, Kind! Alle
Achtung!
Erika: Aber … wir können doch das
Boot nicht einfach mitnehmen!
Horst: Klar können wir! Das
Fernsehen bezahlt alles!
Übergangsmusik. Akustik außen, auf See,
Vögel und Wellen. Die vier rudern im Boot.
Erika: Schatz …
Erich: Ja, Schatz?
Erika: Weißt du, wo wir sind?
Erich: Nein, keine Ahnung. Bei
diesem Nebel sieht man ja keine zehn Meter weit!
Horst: Die Küste ist da rechts.
Erich: Nein, die Küste ist da
drüben! Links!
Erika: Wir haben uns verirrt! Noch
drei Tage bis zur Sendung, und wir haben keine Ahnung, wo wir sind!
Marianne: (wütend) Und das ist alles deine Schuld, Horst!
Horst: (unschuldig) Meine Schuld? Wieso?
Marianne: Weil du immer alles
anfaßt! Immer machst du Ärger ! Weißt du, was du bist? Ein kleiner Junge! Du
wirst nie erwachsen!
Horst: (kleinlaut) Aber … aber Marianne, Liebling, ich … ich wollte doch
nur … ich … ich …
Man hört einen Aufprall und ein dumpfes Rumpeln . Das Boot der vier
ist gegen eine hölzerne Kogge gestoßen.
Störtebeker: Halt! Wer da?
Horst: Das sind bestimmt meine
Kollegen von der Wasserschutzpolizei.
Marianne: Siehst du, Horsti! Jetzt
müssen wir ins Gefängnis . Und alles nur wegen dir!
Störtebeker: Wer da? Freund oder
Feind?
Erich: Wir sind es, die Mustermanns!
Störtebeker: Kommt an Bord! Ohne Waffen
, mit den Händen über dem Kopf!
Übergangsmusik. Akustik innen, in der
knarrenden Kajüte von Kapitän Störtebeker.
Störtebeker: Willkommen auf meiner Kogge
! Jetzt zeige ich euch, was wir Vitalienbrüder mit Spionen machen! Wie heißt
ihr?
Erich: Mustermann. Mustermann mit
zwei „n”. Wir sind keine Spione!
Störtebeker: Und ich heiße Klaus
Störtebeker. Mit einem „k”. Und ich erkenne einen Spion, wenn ich einen sehe!
Marianne: Bitte, Herr Kapitän, sie
müssen uns glauben! Wir sind keine Spione!
Störtebeker: Unsinn! Ich sehe das
euren Gesichtern an. Los, raus mit der
Sprache, für wen spioniert ihr? Für Dänemark? Für die Hanse? Für England? Meine
Männer wissen genau, wie man Spione zum Sprechen bringt! Das hier ist
schließlich das 14. Jahrhundert!
Erika: Herr Störtebeker, wir sind
keine Spione. Wir haben bei „Reisefieber” die Deutschlandreise gewonnen.
Erich: Und wir suchen den
berühmtesten Piraten Deutschlands.
Marianne: Er muß irgendwo hier in
der Nähe sein, er lebt auf der Insel Rügen …
Störtebeker: (geschmeichelt) Ihr sucht den berühmtesten Piraten Deutschlands?
Horst: Ja, aber wir haben keine
Ahnung, wie er heißt. Bitte, helfen Sie uns!
Störtebeker: Es gibt nur einen
berühmten Piraten in Deutschland!
Marianne: Und wer ist das?
Störtebeker: Das bin ich!
Horst: Sie?
Störtebeker: Ja, ich! Klaus
Störtebeker, der Schrecken der Ostsee! Ich bin der Chef der Vitalienbrüder!
Erika: Vitalienbrüder?
Störtebeker: (ereifert sich, während er spricht) Ja, genau. Wir bringen
Lebensmittel nach Stockholm, damit die armen Schweden nicht verhungern! Und
unterwegs klauen wir alles, was nicht
niet- und nagelfest ist ! Wir kämpfen gegen Dänemark, gegen England, gegen die
Hanse, gegen Hamburg, gegen Wasser und Wind! Wir kämpfen gegen alle!
Störtebekers Mobiltelefon piepst.
Störtebeker nimmt ab.
Störtebeker: Klaus Störtebeker.
Hallo? … Was? … Daß ich nicht lache! … Nein! Auf keinen Fall! Ihr kriegt mich
nie! Niemals!
Er legt auf.
Störtebeker: Ihr könnt euer
Testament machen, ihr … ihr … Mustermanns!
Marianne: Warum denn?
Störtebeker: Das war die Hamburger
Hafenpolizei am Telefon! Die wollen mich hinrichten!
Erika: Das ist ja schrecklich!
Störtebeker: Ich soll am 21. Oktober
1402 in Hamburg sein. Dann werde ich geköpft. Mit dem Schwert ! Zack!
Horst: Aber … aber … die Todesstrafe
ist doch abgeschafft !
Störtebeker: Die Todesstrafe ist
abgeschafft? Das ist mir neu!
Horst: Das stimmt. Ich bin Experte.
Ich bin bei der Polizei!
Marianne: Horst, sei still!
Störtebeker: Bei der Polizei? Das
ist der Beweis dafür, daß ihr Spione seid!
Erich: Aber … aber wir haben nichts
Böses getan, Herr Störtebeker. Bitte, lassen Sie uns gehen!
Marianne: Herr Kapitän, Sie wollen
doch keine Unschuldigen töten!
Störtebeker: Unschuldige gibt's
nicht! Schon gar nicht bei der Polizei!
Horst: Bitte, Herr Kapitän! Wir sind
keine Spione! Wir sind Touristen!
Marianne: (in Panik) Nein, bitte nicht!
Geräusche eines Kampfes, Störtebeker
überwältigt die vier Helden und wirft sie über Bord. Man hört, wie sie ins
Wasser platschen.
Störtebeker: (ruft ihnen hinterher und lacht grausam) Ahoi, ihr Spione! Grüßt
die Fische!
Die vier planschen und prusten im Wasser.
Man hört, wie sie gurgeln, Wasser schlucken und mit den Wellen kämpfen.
Fadeover zu Übergangsmusik, dann Fadeover zu Akustik außen, am Strand, Brandung
und Seevögel. Die vier haben sich an Land gerettet und sind völlig erschöpft.
Horst: Marianne, Liebling, ist alles
in Ordnung?
Marianne: Ja. Ich habe nur 100 Liter
Wasser geschluckt …
Erika: Schatz, schaut doch: Die
Kamera funktioniert noch!
Erich: Film' doch bitte nicht jetzt!
Wie sehen wir denn aus?
Horst: Das ist doch sowieso egal.
Wir schaffen es ja doch nicht bis zur Sendung.
Erika: Warum nicht? Wir haben doch
den Piraten getroffen!
Marianne: (weinerlich) Aber wir haben keine Aufgabe. Wir wissen nicht, was
unser nächstes Ziel ist!
Erich: Und wer ist schuld?
Marianne & Erika: Horst!
Horst: Ich verstehe schon. Ich bin
der Sündenbock! Alles klar. Ich gehe …
Erich: Ja, verschwinde! Ich will
dich nie mehr sehen! Du bist nicht mehr mein Sohn!
Horst: Schon gut, schon gut. Ihr
seht mich nie wieder!
Horst entfernt sich. Marianne und Erika
schluchzen leise vor Enttäuschung. Übergangsmusik
Horst: (aus einiger Entfernung) Hallo! Seht mal, was ich gefunden habe!
Marianne: Was denn, Horst?
Horst: (kommt zurück) Eine Flaschenpost!
Man hört, wie er die Flasche entkorkt.
Papier raschelt.
Erich: Und? Lies vor!
Horst: Liebe Mustermanns! Herzlichen
Glückwunsch! Sie haben auch diese Aufgabe richtig gelöst! Als nächstes müssen
Sie einen Schriftsteller besuchen. Hier ist sein berühmtestes Gedicht:
„Über allen Gipfeln
Ist Ruh.
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde Ruhest du auch.”
Viel Glück! Ihr „Reisefieber”-Team.
Studioakustik
Erzählerin: Die Mustermanns sollen
also den Autor dieses Gedichts besuchen. Das ist die nächste Aufgabe.
Schlußmusik