Teil8 Ein Geheimrat in Not
Erzählerin: Erich
und Erika Mustermann haben bei der Fernsehshow „Reisefieber” eine Reise durch
Deutschland gewonnen. Die Reise ist für eine Familie mit Kindern, aber die
Mustermanns haben ein kleines Problem: Sie haben keine Kinder.
Deshalb haben sie ihre Nachbarn eingeladen, ein junges, frischverheiratetes
Paar: Horst und Marianne Schultz. Sie müssen in einer Woche acht verschiedene
Orte in Deutschland besuchen. Und sie müssen selbst herausfinden, wie die Reise
weitergehen soll.
Wenn sie nach einer Woche alle Rätsel lösen und zur richtigen Zeit an der
richtigen Stelle sind, gewinnen sie den Hauptpreis in der nächsten Sendung von
„Reisefieber”. Als nächstes müssen Sie den Autor eines Gedichts finden.
Draußen, Straße. Ein Zettel raschelt.
Erich: Über allen Gipfeln …
Erika: Ist Ruh.
Horst: In allen Zipfeln …
Marianne: Wipfeln !
Horst: Entschuldigung: Wipfeln.
Marianne: Spürest du …
Erich: Kaum einen Hauch ;
Erika: Die Vögelein schweigen im
Walde.
Horst: Warte nur, balde …
Marianne: Ruhest du auch.
Erich: Günter Grass?
Erika: Bertolt Brecht!
Horst: Walther von der Vogelweide!
Marianne: So geht das nicht, so
kommen wir nicht weiter. Wir brauchen einen Experten.
Erich: Und was für einen Experten,
wenn ich fragen darf?
Marianne: Zum Beispiel einen
Deutschlehrer.
Horst: Liebling, du bist nicht nur
schön, sondern auch klug!
Übergangsmusik
Marianne: Hier! Seht ihr, das ist
das Goethe-Gymnasium. Jetzt müssen wir nur noch einen Deutschlehrer finden!
Die Schritte der vier im Korridor. Eine
Putzfrau wischt naß; man hört Wasser und einen Schrubber.
Horst: Komisch, es ist so ruhig hier
…
Erika: Wo sind denn die Schüler?
Marianne: Und wo ist das
Lehrerzimmer?
Putzfrau: Lehrerzimmer? Stehen Sie
direkt vor Tür. Hier!
Erich: Danke, Frau …
Putzfrau: Özgür. Mit „ö”.
Sie klopfen an die Tür. Die Tür wird
geöffnet; der Rektor kommt heraus in den Korridor. Im Hintergrund putzt die
Putzfrau fleißig weiter.
Rektor: Was gibt's denn? Die
Krisensitzung ist erst um 18 Uhr.
Marianne: Bitte entschuldigen Sie.
Sind Sie Deutschlehrer?
Rektor: Nein, ich bin nur der
Rektor. Warum?
Erich: Wir haben ein Problem. Wir
brauchen einen Deutschlehrer.
Erika: Oder eine Deutschlehrerin.
Rektor: Tja, da kann ich Ihnen
leider nicht helfen.
Horst: Warum denn nicht? Das ist
doch eine Schule hier, oder?
Rektor: Ja, schon. Aber die Lehrer
streiken.
Marianne: Was tun die Lehrer?
Rektor: Sie streiken.
Erich: (regt sich auf) Die Lehrer streiken? Das ist doch die Höhe!
Rektor: Das finde ich auch. Sie
wollen mehr Geld und mehr Ferien!
Horst: Mehr Geld und mehr Ferien?
Das ist ja genau wie bei der Polizei!
Rektor: Polizei? Polizei! Gute Idee!
Ich rufe die Polizei an! Ihre Kollegen können dann hier den Unterricht machen,
bis der Streik vorbei ist! Entschuldigen Sie mich bitte. Ich muß sofort mit dem
Kultusminister telefonieren! Und mit dem Innenminister!
Der Rektor schließt die Tür. Einen Moment
herrscht Stille. Man hört nur die Putzfrau schrubben.
Marianne: (schluchzt) La … La … La …
Erika: Lakritze? Hier, Kind.
Eine Lakritztüte raschelt. Die von der
Putzfrau verursachten Geräusche werden lauter.
Horst: Das darf doch nicht wahr
sein! Die Lehrer streiken, und wir verpassen die Sendung!
Erich: Mein Schatz, meine lieben
Kinder – ich fürchte, unsere Reise ist zu Ende.
Putzfrau: Entschuldigen, aber Sie
haben Probleme?
Marianne: Problem? Das kann man wohl
sagen!
Putzfrau: Vielleicht kann ich
helfen, wenn Sie wollen.
Horst: Wie bitte?
Putzfrau: Was für Probleme haben
Sie?
Erika: Wir suchen einen
Schriftsteller. Wir suchen den Verfasser dieses Gedichts:
Erich: Über allen Gipfeln …
Erika: Ist Ruh.
Horst: In allen Zipfeln …
Marianne: Wipfeln!
Horst: Entschuldigung: Wipfeln.
Marianne: Spürest du …
Erich: Kaum einen Hauch;
Erika: Die Vögelein schweigen im
Walde.
Horst: Warte nur, balde …
Marianne: Ruhest du auch.
Putzfrau: Weiß ich wer hat
geschrieben dem Gedicht.
Erich: Was sagen Sie?
Putzfrau: Na, ist Fall ganz klar:
Goethe! Johann Wolfgang von Goethe. Nicht mit „ö” wie „Özgür”. Mit „oe” wie
„Goethe”. Gleicher hat geschrieben den „Faust”.
Horst: Sind Sie sicher?
Putzfrau: Bin ich so sicher wie ist
Schule sauber! Schön, wenn keine Kinder. Nicht so viel putzen! Finde ich Streik
sehr gut!
Erich: Und wo wohnt Goethe?
Putzfrau: In Weimar.
Horst: in Weimar!
Erika: Also los! Nach Weimar!
Marianne: Danke, Frau Özgür! Vielen
Dank!
Horst: Bitte lächeln Sie mal für die
Kamera!
Putzfrau: Güle Güle! Tschüß! (dann zu sich selbst) Ich muß mir diesen
altmodischen Akzent abgewöhnen . Das ist politisch nicht korrekt. Aber die
Touristen haben es gern …
Akustikwechsel: draußen. Die vier sitzen
in einem offenen Pferdewagen und machen eine Stadtrundfahrt durch Weimar. Der
Kutscher knallt ab und zu mit seiner Peitsche.
Marianne: Horst,
schau doch, diese wunderschönen Häuser! Ich wußte gar nicht, daß Weimar so
schön ist!
Kutscher: Sehen Sie, hier rechts ist
das Deutsche Nationaltheater. Hier tagte 1919 die Nationalversammlung der
ersten deutschen Republik. Darum heißt die Weimarer Republik auch „Weimarer
Republik”.
Kutschengeräusche
Kutscher: In diesem Haus hier wohnte
Franz Liszt.
Marianne: Oh, der Schauspieler!
Kutschengeräusche
Horst: Herr … Vati, was ist denn los
mit der Videokamera?
Erich: Zeig mal her, mein Sohn. Die
Kassette ist zu Ende. Hier, ich habe noch eine leere.
Kutscher: Und hier drüben wohnte
Friedrich Nietzsche.
Erika: Hm … der berühmte Zahnarzt!
Kutschengeräusche
Kutscher: Das hier ist das Haus von
Friedrich Schiller.
Horst: Ha, der Meisterdetektiv!
Kutschengeräusche
Kutscher: Und da links ist die
Wohnung von Gottfried von Herder.
Erich: Ah, der Fußballspieler!
Das Pferd wiehert plötzlich hysterisch.
Erich: Horst, Finger weg! Laß das
Pferd in Ruhe!
Horst: Mensch, Vati! Ich wollte doch
bloß sehen, was passiert, wenn ich hier …
Das Pferd wiehert gottserbärmlich.
Kutscher: Mein Herr, tun Sie das
nicht!
Das Pferd geht durch und galoppiert
davon. Man hört Holz splittern und Glas zerbrechen.
Erich: (knallt Horst eine) Horst!
Horst: Autsch! Entschuldigen Sie …
Vati.
Kutscher: Das wird eine teure
Stadtrundfahrt!
Goethe: (ziemlich verstört) Was … was ist denn los? Ach, Sie sind das,
Eckermann!
Kutscher: Entschuldigen Sie bitte
die Störung, Herr von Goethe.
Erika: Das ist Goethe? Herr von
Goethe, bitte seien Sie nicht böse.
Erich: Mein Sohn ist schuld. Er
macht immer alles kaputt.
Christiane Vulpius: Johann Wolfgang,
was ist denn passiert? Was macht denn das Pferd im Gartenhaus?
Das Pferd wiehert.
Goethe: Alles in Ordnung, Friederike
… äh … Charlotte! Es ist nur Eckermann, mein Sekretär und Kutscher.
Christiane: Friederike? Charlotte?
Johann Wolfgang, du hast ja schon wieder meinen Namen vergessen!
Goethe: Susanne … äh … Christiane,
sei doch nicht hysterisch! Bitte, reg dich nicht auf !
Goethes Mobiltelefon piepst. Goethe nimmt
ab.
Goethe: Von Goethe … (flüstert ins Telefon) Kätchen! Ich hab'
dir doch gesagt, du sollst mich nicht anrufen! … Nein, ich kann jetzt wirklich
nicht sprechen! (Er legt auf, sichtlich
nervös.)
Christiane: Kätchen? Also ist es
wahr: Du hast eine andere?
Goethe: Beruhige dich doch, Susanne!
Christiane: Christiane!
Goethe: Entschuldige. Reg' dich
nicht auf!
Christiane: Ich soll mich nicht
aufregen? Nicht mal meinen Namen kannst du dir merken, du mieser Dichter du!
Verschwinde!
Goethe: Aber Friederike … ich meine,
Charlotte! Bitte, es ist doch so schön mit uns zweien …
Christiane: Hau ab! Ich will dich
nie wieder sehen! Du Weiberheld du!
Goethe: (schon im Weggehen) Eckermann, klären Sie die Situation! Ich gehe
erst mal was trinken.
Kutscher: Natürlich. Wie immer, Herr
Geheimrat!
Das Pferd wiehert.
Erich: Frau …
Christiane: (beruhigt sich langsam) Vulpius. Christiane Vulpius. Ich bin die
Freundin von diesem … diesem Gedichteschreiber.
Kutscher: Und ich heiße Eckermann.
Ich bin Kutscher und der Privatsekretär des Geheimrats von Goethe. Sehen Sie,
was Sie gemacht haben! Wer sind Sie überhaupt?
Erich: Wir sind die Mustermanns aus
Frankfurt.
Kutscher: Frankfurt am Main? Schöne
Stadt! Da hat Herr von Goethe früher gewohnt.
Erich: Wir kommen nicht aus
Frankfurt am Main. Wir wohnen in Frankfurt an der Oder!
Kutscher: Ach so!
Erika: Es tut uns leid. Unser Sohn
ist an allem schuld. Er ist bei der Polizei.
Christiane: Entschuldigen Sie, haben
Sie vielleicht etwas Lakritz für mich? Mir ist ganz schlecht …
Marianne: Hier, bitte. Sie auch?
Christiane und Marianne essen Lakritz.
Die Tüte knistert.
Christiane: Ja, ich weiß es seit
einer Woche. Und dieser Gedichteschreiber kann nicht mal meinen Namen behalten!
Erich: Frau Vulpius, wo finden wir
denn Herrn von Goethe?
Christiane: Das ist mir egal! Ich
will ihn nie wieder sehen!
Horst: Aber er muß uns noch unsere
Aufgabe geben! Wir haben die Deutschlandreise bei „Reisefieber” gewonnen. Und
wir suchen unser nächstes Reiseziel!
Kutscher: Warum haben Sie das denn
nicht gleich gesagt? Ich als Privatsekretär weiß natürlich Bescheid! Wissen
Sie, Herr von Goethe ist das Genie, aber ich mache die Arbeit. Moment …
„Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie …”
Nein … nein, das war's nicht. Moment, hier! Die Handschrift des Herrn Geheimrat
ist furchtbar!
Christiane: Das kommt vom Trinken!
Kutscher: Hier steht: „Besuchen Sie
das wichtigste Tor der deutschen Geschichte
.”
Erika: Das wichtigste Tor der
deutschen Geschichte …
Kutscher: Genau. Und Sie müssen um
20 Uhr da sein. Keine Sekunde später.
Horst: Vorsicht, Kamera!
Studioakustik
Erzählerin: Die letzte Aufgabe für
die Mustermanns ist also: Besuchen Sie das wichtigste Tor der deutschen
Geschichte. Und die Mustermanns müssen um 20 Uhr da sein, keine Sekunde später!
Schlußmusik